Vietnambustransport

Neuseeland ist neben Kiwifrucht und -vogel fuer seine immer wieder neuen Erfindungen an merkwuerdigen Extremsportarten beruehmt geworden und nun sehr beliebtes Reiseziel adrenalinhungriger Jugendlicher aus aller Welt. Neben gewoehnlichem Bungee Jumping kann man Zorbing betreiben, wobei der Akteur in einer Kugel eingeschlossen einen steilen Hang hinunterkullert, oder auch in einer am Drahtseil haengenden Minirakete neben einer Felswand auspendeln. Vietnam ist diesbezueglich noch nicht ganz so umfangreich entwickelt. Dagegen benoetigt die hiesige Variante aber keine besondere Ausruestung und heisst Busfahren.

Eine Woche ueberanstrengendes Radfahren zwischen Millionen hektischen Verkehrsteilnehmern unterschiedlichster Geschwindigkeit auf der an der gesamten Kueste entlang fuehrenden Hauptstrasse Highway 1, und wir haben entnervt und muede beschlossen, auf den Ho-Chi-Minh-Pfad auszuweichen, welcher parallel im Hinterland durch die Berge fuehrt und den wir signifikant verkehrsaermer erwarteten. Der legendaere Transportweg der suedvietnamesichen Vietcong ist mittlerweise asphaltiert und “in bester Verfassung”, wie unser Reisefuehrer als fast einzige Notiz zur Strasse schreibt. Mangels verwendbarer Antworten auf unsere zahlreichen Fragen nach Unterkuenften (von denen unsere Etappenplanung - zur Zeit zeltlos - leider abhaengt), haben wir weiterhin beschlossen, ein 160 km langes Zwischenstueck mit dem Bus zu ueberbruecken.

Verkehr Verkehr

Oeffentlicher Transport ist mit Raedern und Radtaschen immer sehr aufwendig fuer uns, aber gegen die Aussicht auf weiteres Radeln auf dem Highway 1 erschien uns der Bus sogar noch mit Umsteigen ertraeglicher. Aber es ist eine andere Sache, sich vom breiten Randstreifen geschuetzt von diesen grossen Ungetuemen ueberholen zu lassen, als tatsaechlich in einem mitfahren zu muessen. So ist unser Abstecher ins ruhige laendliche Vietnam eine ziemliche Tortur geworden. Aber auf jeden Fall mitteilenswert.

Vietnamesische Busfahrer sind wahre Helden. Waehrend wir nur einen ausreichend kurzen Einblick in den Arbeitsalltag eines Busfahrers gewonnen haben und nun wieder frei sind, donnern und hupen diese sich tagein tagaus die ganze lange Strecke entlang eine Schneise in das Gewimmel der unzaehligen langsameren Motorbikes, Fahrraeder oder Fussgaenger.

Motorbikes ueberall Motorbikes und Fussgaenger

Wer es bei Bussen oder LKW nicht rechtzeitig zur Seite schafft, wird ohne Ruecksicht an den Rand oder in den Graben gedraengt. Gegenverkehr wird vom Busfahrer nicht erwartet; das Tempo bleibt stets gleichermassen ueberhoeht. Ueberholvorgaenge werden ueberall, auch vor Kurven und Anstiegen, begonnen, obwohl die Strassen abseits des Highway 1 gerade so breit sind, dass zwei Lastkraftwagen aneinander vorbei koennen (wobei dann beide am auessersten Rand der Strasse fahren und zwischen ihnen nur Platz fuer die Seitenspiegel bleibt). Trifft der Bus auf Gegenverkehr, wird dauergehupt, scharf gebremst, gefaehrlich ein- und ausgeschwenkt und bedingungslos nach rechts abgedraengt. Durch die Frontscheibe sieht das aus wie ein Computerspiel, ein Racing-Game, Formel 1 mit Bus. Der Fahrer ist der Spieler. Er hat neun Leben; beim drittletzten wuerde er anfangen zu versuchen, die restlichen Leben zu schonen. Er faehrt, als haette er alle neun in Reserve, als kann er jederzeit das Game neu starten. Game over, bitte starten sie neu, Bus OK. Die Strasse wird regelrecht ueberrollt ohne Ruecksicht auf irgendetwas und jemanden.

 Ueberholen Ueberholen

Nach einem zermuerbenden Bustag erschoepft und heilfroh in Pleiku angekommen, haben wir uns mit dem verbliebenen Rest Enthusiasmus auf die kommenden Radtage gefreut, um dann am naechsten Tag schnell festzustellen, nur die Spielerrollen getauscht zu haben. Jetzt waren wir die Verfolgten. Staendig aufpassen auf den Verkehr, auf diese grossen, fegenden Busse und LKW, oft von der Strasse fahren, um nicht in ein Ueberholmanoever zu geraten – all diese gefaehrlichen Aktionen, dann auch noch die haeufigen Markierungen von Unfallstellen auf der Fahrbahn, haben uns diesen Tag schwer gemacht. Im Bus kann man allenthalben die Augen verschliessen; auf dem Rad waren wir volle 10 Stunden im Dauerstress unter Dauerbeschuss. Was fuer eine traurige Konzentrationsleistung. Von der schoenen vietnamesischen Landschaft haben wir nicht viel genossen. Wir wollten nur noch ankommen, in dem Ort, in dem es eigentlich eine Unterkunft geben sollte und den wir dann in der Daemmerung erreichten.

Der Ort liegt hinter einem langen Anstieg und besteht mehr oder weniger nur aus einer ein paar Kilometer langen steilen Strasse, die wir von den Einwohnern hinuntergeschickt wurden, um dann unten angekommen wieder nach oben geschickt zu werden. Irgendwann haben wir ein hotelaehnliches Gebaeude ausgemacht. Zuerst gab es dort wohl ein freies Zimmer, dann ohne weitere Begruendung doch keines mehr; man riet uns, es im zehn Kilometer zurueck liegenden Dorf zu versuchen. Ein Mann gab sich alle Muehe, uns den Weg nach Pleiku (120km) und den Weg nach Buon Ma Thuot (80km) detailliert zu beschreiben, nicht verstehend, dass wir als Radfahrer durchaus einige Muehe haetten, puenktlich dorthin zu gelangen, zumal es nun schon dunkel war. Was auch immer er gedacht hat, wo wir herkommen, und warum wir mit diesen albernen Raedern in seiner Stadt umherrollen: Viele Vietnamesen koennen sich sicher nicht vorstellen, dass Menschen so dumm waeren, lange Distanzen mit dem Rad zu fahren, gibt es doch ueberall diese zahlreichen und schnellen Busse.

Wir haben in diesem Ort so viele Leute gefragt, fast alle haben sie nur mit der Hand in irgendeine Richtung (meistens die, aus der wir gerade kamen) gezeigt oder den Kopf geschuettelt und sind dann weiter gegangen. Niemand hat uns wirklich geholfen, uns weiter vermittelt oder uns etwa sogar eingeladen, auf was wir als Fremde in einem fremden Land sicher hoffen duerfen. So sind sie, die Vietnamesen. Geht es um zu verdienendes Geld, hat man sie scharenweise um sich: Sie begleiten dich zu Hotels und Restaurants, platzieren dich im richtigen Bus, besorgen dir auf Maerkten die tollsten Dinge, man solle nur kurz warten, schon sind sie wieder da und haben alles richtig gemacht. Sie sprechen uns auch gerne unterwegs an, sind weltmeisterlich im unverbindlichen Smalltalk, lachen mit uns und vor allem ueber uns. Darueber hinaus tun sie sich sehr schwer, halten sich bedeckt und wirken kuehl, bisweilen auch unfreundlich. Wir haben das schon einmal erlebt, als wir mit der Idee, fernab vom Haupttouristenpfad zu radeln, hinter der laotischen Grenze nach Sueden abgebogen sind. Vom Regen durchnaesst und erschoepft haben wir am spaeten Nachmittag in der ersten groesseren Ortschaft erfolglos nach Unterkunft gesucht. Auch unsere Erklaerungen, dass wir nur ein Dach ueber dem Kopf benoetigen, weil wir Schlafsaecke und Matrazen in unseren Taschen mitfuehren, haben die Leute nicht hilfsbereiter gemacht. Dann zum Glueck hat uns eine mutige Frau zu sich hineingewunken, und es wurde noch ein schoener Abend mit Familienfestessen und Karaokegesang. Man muss dazu wissen, dass es in Vietnam nicht erlaubt ist, Auslaender privat zu quartieren; dies duerfen nur Hotels mit besonderer Zulassung.

Karaokeparty Kaffeeeinladung am Strassenrand

Unsere Ho-Chi-Minh-Raderfahrung endete an einer Polizeistation, an die wir uns schlussendlich gewendet haben. Hier erfuhren wir, dass der gesamte Bezirk wegen aufgetretener Gefluegelpest fuer auslaendische Touristen gesperrt ist. … So haben wir das auch noch mitgemacht; wer kann schon sagen, dass er in einem H5N1 Gebiet Ferien macht. Uebernachten koennen wir hier nicht, aber die Polizei waere so nett, uns einen Bus anzuhalten, der uns in die naechste grosse Stadt faehrt. Einen Bus! Noch dazu in der Nacht. Nachtbusfahren ist in etwa so beruhigend wie am Tag, nur dass die zahlreichen Motorbikes, Fahrraeder und Fussgaenger nun ohne Licht unterwegs sind und der Busfahrer eigentlich kaum etwas sieht. Dem Reisetempo tut das natuerlich keinen Abbruch. Aber unsere Wahlmoeglichkeiten waren nicht gerade besonders umfangreich, und so liessen wir uns darauf ein. Wir sind gleich weiter gefahren zu den schoenen Straenden von Nha Trang, schnell weg von diesen fuer uns so ungastlichen laendlichen Gegenden.

erstes Fazit

Radfahren in Vietnam ist anstrengend und herausfordernd. Urlaubsgefuehle kommen hier kaum auf, obgleich wir unterwegs zwei Amerikaner getroffen haben, die uns freudestrahlend ueber ihre bisherige Vietnamtour berichtet haben. Wahrscheinlich sind die amerikanischen Zigaretten staerker oder aber sie haben etwas von jenem Biss, der die Amerikaner damals so lange erfolglos in diesem Land hat Krieg fuehren lassen. Wir jedoch sind nicht aus solchem Bombenstahl geschmiedet und radfahren nun weiter den entspannteren Highway 1 entlang nach Sueden, nach Mui Neh, einem Bambushuettenstrand, an dem wir Nancy und Clemens wiedertreffen und mit ihnen ein paar Tage Urlaub geniessen werden. Danach nehmen wir den Zug nach Hanoi, wo wir uns auf die Suche nach Ty begeben.

 

4 Kommentare to “Vietnambustransport”


  1. mit abstand eine euren schönsten reportagen! der leser kann gar nicht anders, als mit euch mitzuleiden.

    seht es als gute vorbereitung auf den russischen strassenverkehr!

  2. kann hier nicht mal eine editierfunktion eingebaut werden?

  3. Hallo Ihr Beiden,

    ich muss auch sagen, es ist ein toller Bericht und ich muss sagen, dass Eure Bilder und Texte ganz toll sind und immer spannender finden. Die reise klingt wirklich nicht nach Urlaub sondern nach Reise. Zu reisen ist was wirklich schönes, irgendwie bekommt man immer mehr Lust so eine Tour auch mal zu machen. Hier ist es heute endlich mal -5 Grad mit blauem Himmel – Leipzig lacht Euch entgegen und grüsst EUch auf dem anderen Teil der Erde.

  4. Dagmar Wittsack sagt:

    Hallo Ihr ehemaligen ZSL!

    Constanze war gerade hier im ZSB ehemals ZSL und hat mir Eure Adresse genannt. Einfach toll!! Wir wünschen Euch viel Spaß!! Das ZSL hat sich umbenannt in Zentrum für Schul- und Bildungsforschung. Jörg Hagedorn hatte seine Dissertation am 30.1.07 mit einer 1 verteidigt!
    Er arbeitet jetzt in Augsburg.
    So nun wünsche ich Euch alles Gute!!

    Herzliche Grüße aus dem ZSB. D. Wittsack