Jens Laostagebuch

Ueber Laos koennen die wenigsten etwas genaues sagen. Ein internationaler Gipfel vor einiger Zeit, eine unklare Rolle im Indochinakrieg, einst franzoesische Kolonie, Ingenieure, die in der DDR ausgebildet worden sind und millionenschwere Entwicklungsprojekte. Wer kennt schon die Hauptstadt mit Namen? Vielleicht ist einigen das Land nur deswegen zu einem Begriff geworden, weil wir hier reisen.

Eine Woche sind wir jetzt hier und wir haben eine bezaubernde kaum besiedelte und groesstenteils naturbelassene Landschaft angetroffen, sind tagelang durch armselige Bergdoerfer gefahren und befinden uns gerade in der vor Luxus berstenden Touristenstadt Luang Prabang. Die Tage in Laos waren fuer mich in verschiedener Hinsicht von Anspannung und Belastung gepraegt, und ich habe mich entschieden, ein kleines Tagebuch anzulegen, um ein bisschen diese Seite des Reisens zu dokumentieren, die bei all den tollen Erlebnissen und Ereignissen auch immer mit vorhanden ist und ueber die wir bisher nur zwischen den Zeilen mitgeteilt haben.

Die Wunde

Unser Laos beginnt mit der Fahrt nach Pak Beng den Mekong entlang. Kurz vor der Abfahrt haben wir entschieden, doch lieber den Bus zu nehmen, weil acht Stunden mit fuenfzig vornehmlich Touristen in einem dreissigsitzigen schmalen und wackeligen Boot gequetscht zu sein nicht ganz unserem Reisegeschmack entspricht. Die Alternative besteht mit einer ebensolangen Busfahrt nach Luang Namtha. Es soll moeglich sein, diese Strecke auch mit dem Rad zu befahren, aber es bestehen schreckliche Geruechte ueber den Zustand der Strasse, sodass dies ebenso nicht unserem Reisegeschmack entspricht. Wir sind gespannt, was uns erwarten wird.

Die Raeder werden aufgeladen; es wird gewartet, bis auch die letzten Fahrgaeste – zwei Franzosen im Hippyoutfit, mit denen wir die einzigen Auslaender sind – ankommen; dann kann es los gehen. Die Strasse verlaeuft die ersten Kilometer in bestem Zustand und wechselt dann zu einer breiten roten staubigen Wunde, die 150 km in den Wald und aus den Bergen geschlagen wurde. Spaeter einmal soll diese kurven- und anstiegsreiche Wuestenpiste zum Highway zwischen China und Singapur ausgebaut sein. Der Bus setzt mehrfach auf, und wir sind froh, diese alten Raeder zu haben, um die es uns nicht allzu weh tut. Nach acht Stunden ist der Bus ueberhitzt, und der Keilriemen reisst an einer sehr steilen und engen Passage. Der Verkehr ist blockiert; es sammeln sich Fahrzeuge auf beiden Seiten. Ich frage Uli, ob wir die Raeder und die Taschen abpacken sollen und die letzten 30 Kilometer mit dem Rad fahren. Es ist schon spaet, aber die Strasse soll bald wieder asphaltiert sein und kaum noch Steigungen haben. Wir koennen uns nicht entschliessen und warten ab. Nach einer halben Stunde schickt der Busfahrer seinen Beifahrer mit einer Handvoll Geldscheine in die zwei Autostunden entfernte Stadt einen neuen Keilriemen zu kaufen. Ich ahne, dass eine Reparatur, wenn ueberhaupt vor Ort moeglich, sehr lange dauern wird und aergere mich, dass wir nicht gefahren sind, dass ich selbst nicht entschiedener war und gezoegert hatte, als noch genug Zeit war. Denn jetzt ist es zu spaet, 17 Uhr, und gleich beginnt die Daemmerung.

Staubstrasse Staubstrasse Staubstrasse

Entscheidungssituationen, in denen keiner von uns beiden weiss, was richtig waere, begleiten uns regelmaessig wiederkehrend. Wir haben dafuer keine Routine entwickelt und werden uns dann sicher auch beim naechsten Mal aergern, unzufrieden sein und uns dann doch wieder neu mit den Umstaenden arrangieren.

Den Bus indes schieben wir gemeinsam den letzten Rest des Berges hinauf. Der Verkehr kann wieder passieren. Ein Fahrgast nach dem anderen haelt ein vorbeifahrendes Fahrzeug an und steigt hinzu. Am Ende ist es fast dunkel, und nur noch der Busfahrer, die Franzosen und wir mit unseren Raedern und den tausend Taschen sind uebrig geblieben. Wie auch sollen wir einem laotischen Fahrer erklaeren, dass er neben uns die gewaltige Busladung, die noch auf dem Dach festgeschnuert ist, mitnehmen soll. Uli fasst sich dann doch ein Herz, die Franzosen kommen mit. Nur die Raeder bleiben zurueck, die wir am Tag danach am Busbahnhof in Luang Namtha abholen.

Bergdorfromantik

Wir sind irgendwie darauf gekommen, am naechsten Tag fuer zwei Tage nach Muang Sing zu fahren. Der Reisefuehrer schreibt, dass es sich hier um ein Zentrum fuer Wandertouren handelt. Ausserdem gibt es wegen der Naehe zur chinesischen Grenze einen beruehmten Markt. Am Morgen esse ich zu viele von diesen hier erhaeltlichen schokoladenueberzogenen Weizenbroetchen, sodass ich die Hinfahrt von elendigen Magenschmerzen geplagt bin. Wir fahren durch eine auf die Dauer fuer mich sehr eintoenige Waldlandschaft, es gibt wenig ausser Baeumen zu sehen, es ist mir im Schatten zu kuehl und geht endlos und viel zu schwer den Berg hinauf.

Zwischendurch kommen wir an einigen Bergdoerfern vorbei; das sind Ansammlungen von einfachen Huetten aus Holz und Bambus. Es sind keine funktionalen Gebaeude zu erkennen. Es gibt zumeist keinen Strom. Die Oberleitungen fuehren einfach vorbei bis zur naechsten Stadt. Wir haben zwei Doerfer gesehen, die gerade einen Stromanschluss bekommen haben. Das gesamte Dorf war jeweils fuer die Schau versammelt.

Wenn die Doerfer Strom haben, sieht man zwischen den Huettchen gigantische Satellitenschuesseln. Davon abgesehen lebt und arbeitet die Dorfbevoelkerung im Grunde in mittelalterlicher Weise. Alles wird mit den eigenen Haenden vollbracht; Maschinen gibt es nicht. Wenn wir unterwegs einen Webstuhl gesehen haben, befanden wir die zugehoerige Familie als vergleichsweise wohlhabend.

Bergdoerfer Bergdoerfer Bergdoerfer

Wie wir wissen, leben in den Bergen von Burma, Thailand, Laos, China und Vietnam nahezu die gleichen Bergvoelker, die sich in ihrer Lebensweise sehr voneinander unterscheiden. Manche Doefer wirken aufgeraeumt und reinlich, manche durcheinander, manche sind in sehr schmutzigem Zustand. Einige schmuecken ihre Haeuser mit Blumen, andere pflegen einen Dorfplatz, wieder andere haben Gaerten. Wir haben ein Dorf mit separaten Toilettenhaeuschen gesehen. In einem anderen Dorf rafften die Frauen die Roecke und erleichteten sich scheinbar einfach dort, wo sie sich gerade befanden.

Das Leben der Menschen in den Bergdoerfern ist fuer unser europaeisches Verstaendnis ueberhaupt nicht vorstellbar. Dabei sehen wir als Radfahrer, die an die Strasse gebunden sind, vermutlich eher noch die besser situierten Ansiedlungen. Es ist erstaunlich, wie sich dieses Leben erhalten kann, wenn die Strassen, an denen die Menschen wohnen, geschaeftig von Handelsfahrzeugen, von den Reisebussen oder wenigsten den Radtouristen befahren werden. Aber alle fahren ja nur vorbei bis zur naechsten Stadt, in der dann auch wieder Strom ist.

Tagsueber sind die Erwachsenen auf den Feldern oder im Wald, und so sind, wenn wir vorbeifahren, nur die Alten und die Kinder da, die, sobald sie uns erkennen, uns laut schreiend im ganzen Dorf ankuendigen und zuwinken; die Kleinen winken mit dem ganzen Koerper, sodass sie fast umzufallen drohen. Die Alten halten die noch Kleineren hoch, lassen sie winken und sagen ihnen dieses “bye bye” vor, was uns die ganze Zeit ueberall begleitet. Irgendjemand muss es den Leuten falsch erklaert haben, und irgendwie hat es sich so weit in alle Doerfer an der Strasse verbreitet.

An diesem Tag nach Muang Sing wirken die Huetten auf mich farblos und trist wie der staubige Boden auf dem sie aufgestellt sind. Die Kinder nerven mich mit ihrem trainierten bye bye. Als wir einmal anhalten, stuermen sie auf uns ein, schieben die Raeder ein stueckweit an und fangen an, Zeug aus unseren Taschen zu zerren. Wir koennen gerade noch so entkommen. Meine Verfassung ist ohnehin nicht die beste, und ich beginne zu bezweifeln, dass dies ein Land ist, indem ich mich wohlfuehlen werde. Ich stelle fest, dass die Freude auf den Zielort, die vielen Moeglichkeiten unterwegs anzuhalten, zu essen oder trinken oder einfach an einem schoenen Punkt erheblich zu meiner Reisezufriedenheit beitragen. Hier im Nordlaos gibt es keine schoenen Zielorte, keine Pausenplaetze, Sitzbaenke. Kaum gibt es unterwegs Essen, wenn, dann die Suppe aus verkochten Reisnudeln, die wenig lecker schmeckt. Es gibt die Strasse und die Doerfer, die auf mich zunaechst wenig einladend wirken.

Dorf Dorf

Wir haben uns in Thailand gewuenscht, naeher mit den Leuten in Kontakt zu kommen als ueber die Schnittstelle des Konsumierens. Nun fahren wir an den Doefern vorbei ohne anzuhalten. Warum auch sollten wir das tun, frage ich mich bei jedem Dorf. Es gibt keine Sprache, die wir gemeinsam sprechen, es gibt nichts, was wir von den Menschen wollen und wahrscheinlich auch nichts, was wir ihnen geben koennen. Dennoch beschleicht mich das ungute Gefuehl zu bequem zu sein und zu aengstlich vor der Anstrengung der Begegnung. Deutlich bequemer und aengstlicher als der Anspruch, den ich an mich habe.

Die naechsten Tage wird es noch kaelter in den Bergen, die Sonne bleibt hinter den Wolken versteckt und verduestert mir das bis dato schon duestere Laos noch mehr. Ich muss bis zum Mittag Muetze und Handschuhe tragen, um nicht zu frieren. Ich hatte von den Broetchen schliesslich Durchfall bekommen und quaele mich nun davon geschwaecht ueber einige unglaubliche bis zu 20 Kilometer lange Anstiege von ueber 5% durch das Land, waehrend Uli scheinbar muehelos wie ein junges Bergthai hinaufspringt. Ich beklage mich mehrfach ueber die Widrigkeiten, doch Uli haelt alles gut aus, versichert mir aber, dass es auch ihr ein bisschen die Freude auf das Land nimmt, wenn es mir so wenig gut geht.

Am bisher letzten Radtag kehren meine Kraefte zurueck, die Landschaft weitet sich und fuehrt an einem malerischen Fluss, gesaeumt von spektakulaeren Karstfelsen, entlang. Die Sonne scheint wieder, und alles wendet sich fuer mich zum Guten. Wir besuchen eine Schule, machen eine Pause in einem Dorf, fotografieren viel und geniessen das Radfahren. Schliesslich lockt am Ende des Tages die Weltkulturerbestadt Luang Prabang.

Touristeninselschock

Eben noch im ergreifenden laotischen Bergleben befindlich, platzt abrupt das Urlaubsparadies ueber uns herein. Hier in Luang Prabang ist alles so hergerichtet, wie es sich der westliche Reisende wuenscht. Es fliesst Bier und Geld in Massen. Geflieste Baeder, Milchshake, Eis, Internet und Dienstleistungen aller Art. Sonne, Restaurants, Mekong. Ein Nachtmarkt, der nur von Auslaendern besucht wird und dennoch dicht gedraengt ist.

Nachdem ich im Nordlaos durch ein wahres Wechselbad der Gefuehle gegangen bin, kann ich mir hier ebensowenig erfreuen, bin bedrueckt. Kurz hinter der Stadt leben die Menschen mit nahezu nichts. Hier ist jede Annehmlichkeit erhaeltlich, vorausgesetzt genuegend Geld. Eine Touristeninsel, und ich bin nun ein Teil davon. Ich denke ueber die Berge nach, und wieviel lieber sie mir eigentlich waren als dieser angepasste Tempel. Es ist traurig, wieviele Auslaender sich mit den Asiatinnen schmuecken oder sie vielleicht auch nur benutzen, wie wir Auslaender hier unser eigenes, importiertes Essen vertilgen, von Laoten nur noch zubereitet, und wie die Laoten in meinem Empfinden so zu billigen Dienstleistern gradiert sind und die Umgebung sich kaum noch unterscheidet von den Touristenzentren in Spanien oder Italien. Nur, dass es hier weniger kostet. Am Morgen begegnet mir ein Paerchen bepackt mit Pappbecherkaffee und tuetenweise Kuchen und Broetchen aus einer der internationalen Baeckereien, und ich frage mich, warum sie in dieses Land reisen, wenn es im Grunde keine gewuenschten Unterschiede zum Leben im Heimatland gibt. Ich tue vielleicht diesem Paerchen unrecht. Ich bin mir aber nahezu sicher, dass ich es nicht tue, so massiv und offensichtlich kann man diese Bedienkultur hier erleben.

Luang Prabang

Wir jedenfalls aendern schnell unseren Plan und werden Weihnachten nicht hier verbringen, nur das Noetigste unternehmen. Grosse Staedte sind immer reserviert fuer  Briefe schreiben, Internet und Reparaturen. In Laos speziell kommt noch hinzu: Gut essen, weil sie ausserhalb meist nur diese gemeine duenne, verkochte Nudelsuppe auftischen.

In Luang Prabang treffen wir einige Bekannte wieder oder schliessen neue Bekanntschaften. Um sie zu wuerdigen: Marco und Manon, Radfahrerpaerchen aus den Niederlanden, haben uns seit Muong Sing begleitet. Jean und Luc, zwei unsichere Radfahrer aus Kanada und Frankreich, scheinen seit Chiang Mai unseren eigenen Plaenen zu folgen, sind uns nun aber endlich voraus. Sandra, die uns viele Hinweise zu Laos gegeben hat oder auch Sage und ihr Freund, sowie ein aelteres hollaendisches Paerchen, alle ebenfalls mit Rad unterwegs, mit denen wir wahrscheinlich den Heiligabend in einem kleinen Ort verbringen werden.

Am beeindruckendsten sind aber Steven und Marlous aus den Niederlanden, die den ganzen Weg von dort mit dem Rad gefahren sind. Von ihnen bekommen wir wertvolle Tipps und Inspiration. Wir planen nun, nach Vietnam bis nach Hongkong weiterzufahren, wenn es das Wetter zulassen sollte. Von dort aus mit dem Zug nach Ulan Bator. Jedenfalls hat uns das Radreisen gepackt, auch auf Kosten eines laengeren Aufenthaltes an einem Ort. So reisen wir morgen weiter nach Sueden. Es steht ein Berg der Extraklasse an, bis wir abends dann in Kiew einen hoffentlich schoenen Abend haben.

Doswidanja!

 

3 Kommentare to “Jens Laostagebuch”


  1. Hallo Ihr beiden. Wie man so liest klingt das alles so unwirklich und fremd. Es klingt wie aus einem Roman oder einer Reportage über ferne Länder. Ich lese faziniert immer mit und bin ganz doll gespannt wa sihr als nächstes schreibt und zeigt. Gespannt bin ich jetzt schon auf Euer Resumé und ob ihr durch die ganzen Erfahrungen Euch ändern werdet, denn ihr nutzt ja die Technik und das Internet um zu berichten, schimpft aber gleich über den Konsum in den mittelalterlichen Gegenden. Eine Lösung muss man da wohl jeder für sich selber finden, denn eine Lösung für alle wird es nicht geben.

    Habt einen schönen Weihnachtstag und denkt an uns, wir denken auch an Euch!

  2. Kennen das unangenehme Gefühl, des in die Byebye-Schublade gesteckt werden auch, aber man wartet eben nicht überall auf uns.

    Vielleicht ist es einfach nur das Gefühl, irgendwie auf der Durchreise zu sein. Das Land und seine Bewohner müssten aber erst aufgetaut werden, wofür vielleicht die Zeit und/oder noch der rechte Ort fehlten. Freunde von uns waren zu verschiedenen Projekten in Laos und haben von sehr positiven Erfahrungen berichtet.

    So ist wohl das Reiseleben.
    Weiterhin viel Glück.

    Grüsse vom Sakulärisierten, der die Ehre hat die Kinder zu schaukeln, während der Rest in der weihnachtlichen Mitternachtsmesse weilt … “Oh Du Fröhlicheeee”

  3. Kopf hoch; Vietnam wird wieder besser!!!
    Eure Sprachprobleme werden wohl bleiben, aber alles andere ist dort doch etwas angenehmer.
    Ich hoffe, ihr habt die Zeit, in Macau auf die (Ruecktritt-)Bremse zu treten – Ihr muesst ja nicht unbedingt in ein Casino gehen…
    Ich denke an Euch
    Johannes